Das Ein-Quadratmeter-Haus

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Das Ein-Quadratmeter-Haus

Das Ein-Quadratmeter-Haus

Der Architekt Le Van Bo findet: Jeder hat ein Recht auf seinen eigenen Quadratmeter. 

 

Es gibt zwei Gründe dafür, warum sich der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel so intensiv mit den Themen Heimat und Gentrifizierung auseinandersetzt. Der erste: Als er zur Welt kam, hatte er kein Zuhause – denn er wurde geboren, während sich seine aus Laos stammende Familie gerade auf der Flucht nach Deutschland befand. Der zweite: Er lebt in Berlin, einer Stadt, deren Bewohner sich grob gesagt in zwei Hälften aufteilen. Die eine wird aufgrund stetig steigender Mietpreise aus ihren heimatlichen Stadtvierteln verdrängt, die andere ist für diese Verdrängung verantwortlich.

 

Das „Hartz IV Möbel“-Projekt

 

Wenn Van Bo Le-Mentzel, der tagsüber in einem Architektur-Unternehmen arbeitet, Feierabend hat, beginnt sein zweites Leben als Architektur-Künstler Le Van Bo. In diesem Paralleluniversum entstand zum Beispiel das „Hartz IV Möbel“-Projekt, mit dem der 35-Jährige für viel Aufmerksamkeit sorgte. Der Gedanke dahinter: Auch Menschen mit wenig Geld haben ein Recht auf schöne Möbel im Bauhausstil. Dabei gilt stets das Motto „Konstruieren statt Konsumieren“: Interessenten können nicht die fertigen Möbel kaufen, sondern erhalten die zugehörigen Baupläne kostenlos und besorgen sich das Baumaterial anschließend selbst. Le Van Bos neuestes Projekt: das Ein-Quadratmeter-Haus. Was es damit auf sich hat, hat er onesprime.de im Interview erklärt. 

 

onesprime.de: Herr Le-Mentzel, erzählen Sie uns doch bitte etwas über das Ein-Quadratmeter-Haus. 

Le Van Bo: Wenn man die Zeitungen aufschlägt und nach Wohnungen sucht, wird immer der Quadratmeterpreis angegeben. Alles dreht sich um diesen Quadratmeter. Da habe ich mir gedacht: Wäre es nicht schön, wenn jeder seinen eigenen Quadratmeter hätte, den er so gestalten kann, wie er will? Um das zu ermöglichen, habe ich das Ein-Quadratmeter-Haus aus Holz erfunden. Der Besitzer kann sich so selbst aussuchen, in welchem Stadtviertel und in welchem Land er wohnen möchte und was mit diesem einen Quadratmeter Leben passiert. Ich habe es vor zwei oder drei Monaten erfunden und den Bauplan gezeichnet.  

 

onesprime.de: Das Haus ist ein Beitrag zu den Themen Heimat und Gentrifizierung. Inwiefern?

Le Van Bo: Jeder braucht ein Stück Heimat. Vielen wird es aber weggenommen. Einige Leute hier in Berlin haben aufgrund der Gentrifizierung wirklich Angst, ihre Heimat zu verlieren. Ich als Flüchtling kann das sehr gut nachvollziehen. Mit dem Haus wollte ich ein Stück Heimat schaffen, das man immer mitnehmen kann. Deshalb auch die Rollen am Boden des Hauses. Und eines, das sich jeder leisten kann. Das ist ein weiterer Gedanke, der hinter dem Projekt steckt: Warum leben manche so und andere so? Warum dürfen nur die gut leben, die bestimmte Kontakte und Geld haben? Das Ein-Quadratmeter-Haus bietet die Möglichkeit, Lebensträume umzusetzen. Wer schon immer ein Haus am See haben wollte: Hier ist es. Das Baumaterial muss sich jeder selbst besorgen, das Holz kostet 250 Euro. Und natürlich bauen sich die zukünftigen Besitzer ihr neues Heim ebenfalls selbst.

 

onesprime.de: Mal im Ernst: Kann man in dem Haus wirklich leben?

Le Van Bo: Ja, das kann man. Man kann das Haus der Länge nach hinlegen und so darin schlafen. Man kann eine Heizung einbauen lassen, sich einen Arbeitsplatz darin einrichten und das Dach als Kochfläche benutzen – wenn man sich eine Elektroherdplatte besorgt. Der Occupy-Aktivist Emal Gamsharick hat kürzlich 24 Stunden lang in dem Haus gelebt. Er ist damit in Berlin U-Bahn gefahren, hat in Neukölln morgens um drei Uhr auf dem Dach Pancakes gebraten und auf dem Alexanderplatz unter der Weltzeituhr übernachtet.

 

onesprime.de: Das Ein-Quadratmeter-Haus steht vorübergehend auf dem Gelände des BMW Guggenheim Lab, das für sechs Wochen im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg Station macht. Weil das Kulturprojekt ursprünglich in Kreuzberg aufgebaut werden sollte, gab es im Vorfeld heftige Kritik. Hauptthema war auch hier die Gentrifizierung, also die Angst vor steigenden Mietpreisen durch das Lab. Wie finden Sie es, dass das mobile Labor nun in Prenzlauer Berg steht?

Le Van Bo: Wir befinden uns hier im zweiten Hinterhof in einem durchgentrifizierten Viertel. Was will man hier noch diskutieren oder in Gang setzen? In diesem Rahmen wird das BMW Guggenheim Lab zum Bespaßungsprogramm. Dabei lautet das Thema das Labors eigentlich: Städte der Zukunft. Klar: Ich finde die Fragen alle richtig, die im Vorfeld gestellt wurden. Wem gehört die Stadt ? Warum wird der soziale Wohnungsbau abgeschafft? Was sind unsere Konzepte, damit wir nicht so werden wie Paris oder London? Aber es trifft die Falschen. In Kreuzberg hätte das Projekt viel mehr Sinn gemacht, weil eben dort so viel Diskussionsbedarf besteht. 

 

onesprime.de: Was kommt nach dem Ein-Quadratmeter-Haus?

Le Van Bo: Am 14. Juli 2012 erscheint das „Hartz IV Möbel“-Buch. Rund 500 freiwillige Helfer aus der ganzen Welt haben dafür Baupläne entworfen, sich um Illustrationen, Fotos und Texte gekümmert. Außerdem möchte ich mich näher mit dem Thema Immobilien auseinandersetzen. Das Ein-Quadratmeter-Haus ist ja nur eine Provokation, ein Diskussionsbeitrag. Ich fände es schon toll, wenn wirklich jeder ein Haus für sich haben dürfte. Und wenn es nur die Größe eines Containers hat. Das kann man dann zwar nicht mehr bewegen, doch vielleicht lässt es sich auflösen, wenn man es nicht mehr braucht. Man könnte die Einzelteile zur Weiterverwertung auf Facebook anbieten.


Text und Bild: Silvia Weber


Le Van Bo auf Facebook: https://www.facebook.com/Le.Mentzel 

 

Buch "Hartz IV Möbel" zum Beispiel über Amazon: http://www.amazon.de/

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